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FRAGMENTE: Zoobot 07


Tagelang danach roch er aus dem Mund und hatte das Gefühl, er würde das Gewürz häppchenweise ausschwitzen. Unangenehm für alle übrigen Zeitgenossen. Wenn er Rainer von Wertenbruch das erste Mal vorgestellt wurde, wollte er nicht die gleichen Ausdünstungen wie ein Stinktier verbreiten.
In der Ferne sah er eine dunkle Wolkenfront aufziehen. Sie näherte sich ziemlich schnell, denn auch der Wind hatte an Stärke zugenommen. Das letzte, was er gebrauchen konnte, war ein Schneetreiben, das ihn aus dem Stadion fegte. Er beeilte sich die Stufen hinunter zu kommen. Die Entfernung zwischen Harald und dem Ausgang verringerte sich rapide. Steinmetz nahm die Füße hoch und sprang über einige Stufen hinweg. So mußte es damals vor über zweitausend Jahren gewesen sein. Er erinnerte sich an die Stelle in der Bibel, wo die Kreuzigung Jesu beschrieben war. Dort wurde es Nacht, obwohl es Tag war. Hier war es genauso.
Unten an der Treppe angelangt, legte Steinmetz den Kopf in den Nacken. Dunkle, fast schwarze, wirbelnde Wolken jagten einander. Ein Tosen und Brausen setzte von einem Moment zum anderen ein. Weltuntergangsstimmung beherrschte Harald. Das Spiel der Elemente war immer wieder beeindruckend.
Fast könnte man meinen, einige Walküren zu sehen, die am Himmel auf feurigen Rössern entlangreiten. Etwas fiel ihm ins Auge, naß und feucht, kurze Zeit klebrig. Eine dicke Schneeflocke. Aber sie war nur die erste von Millionen. Große, graue Flocken segelten zu Boden, den Dreck zurückbringend, den so manche Fabrik in die Atmosphäre gepustet hatte.
Es wurde Zeit. Wenn er einen Bus erwischen wollte, der den Weg durch das Schneetreiben schaffen sollte, dann mußte er jetzt los.
Steinmetz rannte zur Bushaltestelle, während er sorgfältig darauf achtete auf dem glatten Boden nicht auszurutschen. Mit grell aufleuchtenden Scheinwerfern fuhr ein Bus an der Haltestelle los. Harald winkte. Harald schrie gegen den Sturm an, doch der Busfahrer übersah ihn ganz einfach. Völlig durchnäßt, schniefend, stieg er in den Bus ein, der ein Viertelstunde später eintraf.

Steinmetz hatte sich in die letzte Bank gesetzt und beobachtete, wie sie an Zoobot Elektronik vorbeifuhren. Verschiedene Strahler beleuchteten den Gebäudekomplex. Durch die Kombination von unterschiedlichen Farben ergab sich ein unirdischer Eindruck. Dieser Anblick fraß sich in Haralds Unterbewußtsein. Er vergaß ihn niemals wieder.
Anstatt ein Restaurant aufzusuchen, wandte er sich zuerst nach Kreuzberg. Im Hotel wechselte er seine Kleidung. Bevor er das Zimmer verließ, legte Steinmetz die klammen Sachen über die Heizung. Zufrieden mit der ordentlichen Anordnung schloß er die Tür, an dessen Unterkante sich seltsame Kratzspuren befanden.
An der Rezeption ließ Steinmetz sich ein Taxi rufen. Dies war die einzige Möglichkeit trockenen Fußes von hier aus nach Tempelhof zu kommen. Der Bus kam nicht in Frage. Er würde erneut klitschnaß sein, ehe er die Haltestelle erreicht hätte. Ähnlich verhielt es sich mit der U-Bahn.
Er schritt die Stufen zum Innenhof hinab und stellte sich in den Toreingang. Der Schnee rieselte mittlerweile langsamer. Vor dem Licht der Laterne tanzten die Flocken, warfen Schattenmuster auf den Boden und gestalteten auch hier eine ganz andere Atmosphäre.
Unter der Lampe in der Toreinfahrt fror Steinmetz vor sich hin, während er auf das Taxi wartete. Manchmal meinte er, seine Augen würden ihm einen Streich spielen, wenn er hier und dort die Silhouette einer Katze sah.
Ich täusche mich bestimmt, dachte er. Andererseits, wenn ich mich nicht täusche, dann sind das dort die Spuren von Katzenpfoten. Und die führen immer um mich herum. Aber warum habe ich keine Katze gesehen? Die Spuren sind frisch. Der Schnee ist eben erst gefallen. Ich müßte sie gesehen haben.
Er wünschte sich, daß das Taxi endlich kam. Hinter ihm, hinter einer Mülltonne versteckt, saß ein muskulöser Kater mit einer Tätowierung am Ohr. Die Tätowierung kennzeichnete ihn als W-2114. Sein Körper dampfte in der Kälte. W-2114 leckte seine rechte Vorderpfote. Die rauhe Zunge strich über die verkrusteten Wunden. Der Heilungsprozeß war fast beendet.

[ mn ]


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