Startseite
Kreativ-Ecke
Fiction Zone
Webcomics
Netz-Report
Aktionen
Rezensionen
Roman
Comic
Film
Infos
Impressum
FAQ
Startseite » Fiction Zone » FRAGMENTE » Zoobot 06

FRAGMENTE: Zoobot 06


Dahinschreitend, einem Hans-guck-in-die-Luft gleich, schwelgte er weiter in Tagträumen. Hier verdiente er gutes Geld, tat etwas nützliches und arbeitete gleichzeitig für die Menschheit. Harald, der Wohltäter.
Ein Bellen riß ihn aus seinen Gedanken. Er machte einen Fehltritt, rutschte auf dem nassen Gras aus und, wie konnte es anders sein bei seinem Glück, landete unsanft auf seinem Hosenboden. Durch das Drahtgeflecht des Zauns schaute er auf ein breites zähnefletchendes Maul.
"Was machen Sie hier?" Die Stimme gehörte einem großen Mann mit breiten Schultern in einer unbekannten Uniform.
"Ich hab Sie was gefragt!"
"Oh, ich?", brachte Steinmetz heraus. Langsam wurde er sich seiner Situation bewußt. Er saß hier unten im Dreck und sah zu dem finster dreinblickenden Muskelberg auf.
"Ich hab mir die Gegend angesehen", stotterte er, während er sich aufrappelte.
"Sie haben hier nichts zu suchen. Sie befinden sich zwar außerhalb des Zauns, befinden sich aber trotzdem auf Privatgelände. Haben sie die Schilder nicht gesehen?"
Das hatte er nicht.
"Ehrlich gesagt, nein, ich ..."
"Sehen Sie zu, daß Sie wieder auf die Straße kommen, aber dalli!"
Harald widersprach nicht. Schon deshalb nicht, weil ihn dieser Hund so lüstern ansah. Der besaß vielleicht nicht den gleichen Intelligenzquotienten wie sein Herrchen, aber bestimmt doppelt so viel Appetit.
"Ich bin schon weg", rief er und suchte das Weite.
Zurück auf der Straße warf Harald einen Blick zurück. Sicher, das Gelände mußte abgesichert werden, aber mußte man deswegen so unfreundlich sein. Er versprach sich, bei passender Gelegenheit ein Wort dazu zu sagen. Falls sich jemals eine solche Gelegenheit ergeben sollte.
Ein paar Schritte weiter hatte er den Gedanken bereits beiseite gewischt. Unnötig sich darüber aufzuregen, die Leute hatten ganz bestimmt schlechte Erfahrungen gemacht.

Guten Mutes erreichte er das Olympiastadion. Im Jahr 2000 hatte es hier das letzte große Ereignis gegeben. Er war damals sieben Jahre alt gewesen und durfte seinen Vater zu den Finalspielen der Fußballmannschaften begleiten. Dänemark war als Sieger hervorgegangen. Die deutsche Mannschaft begnügte sich mit Bronze. Doch seit dieser Zeit war hier nichts Aufregendes mehr geschehen. Längst gab es neuere und bessere Sportstätten in Berlin, die sich über mehr Zulauf erfreuten. Allenfalls im Sommer sah das örtliche Freibad noch einige Schwimmer, ansonsten stand die Anlage komplett unter Denkmalschutz.
Steinmetz verschaffte sich für einen Fünfer Eintritt. Er marschierte das Oval in seinen gewaltigen Ausmaßen ab, bis er zu der Stelle gelangte, wo einst das olympische Feuer gebrannt hatte. Hier lehnte er sich an das metallene Gestell mit seiner pfannenähnlichen Schüssel für das Feuer. Über ihm zogen einige Wolken vom Wind gescheucht ihre Bahn. In dieser Stille erinnerte er sich daran, wie er zusammen mit seinem Vater unter den vielen tausend Menschen gestanden hatte. Fast gelang es ihm das Aufstöhnen der Massen bei jeder verpaßten Torchance zu hören.
Nostalgie, dachte er. 27 Jahre alt und schon so in Erinnerungen lebend. Das mußt du dir abgewöhnen, Harald. Mit 77 kannst du so denken, aber nicht heute. Er drehte sich um und sah gegen die Sonne auf die riesigen Heldenfiguren aus dem Dritten Reich. Diese Giganten, Relikte einer dunklen Vergangenheit, bannten einen. Bombastisch und größenwahnsinnig war alles, was ihm dazu einfiel.
Steinmetz schaute auf die Uhr und stellte fest, daß sein Magen nicht umsonst diese knurrenden Geräusche in der vergangenen Viertelstunde gemacht hatte. Er nahm sich vor mit dem Bus in die Innenstadt oder noch besser nach Tempelhof zu fahren und in eines der ausgezeichneten ausländischen Restaurants einzukehren, die er dort nach einem Besuch des Flughafens vorgestern entdeckt hatte. Ihm stand der Sinn nach Italienisch oder Türkisch, aber bitte ohne Knoblauch. Knoblauch mochte gesund sein und ihm auch sehr gut munden, aber seinem neuen Arbeitgeber wollte er diese Neigung nicht, im wahrsten Sinne des Wortes, unter die Nase reiben.

[ mn ]


«Zurück | Seitenanfang

DER KLEINE KRIEGER
FRAGMENTE
GURKENTRUPPE
SATIRE

Im Zeichen des roten Sessels

Werbung