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FRAGMENTE: Zoobot 04


Steinmetz schaute rechts und warf einen Blick nach links, aber auch da war nichts. Rein gar nichts. Seine Augen wanderten über den wolkenverhangenen Himmel. Heute nacht würde es bestimmt schneien. In dieser kalten Novembernacht mit solch Riesenwolken konnte es gar nicht anders kommen. So stand er da und dachte so vor sich hin in dem dunklen Zimmer. Zwischendurch nahm er einen Schluck von seinem Bier. Bettschwere überkam ihn. Es war Zeit zum schlafen gehen.
Er wollte den Vorhang zuziehen, sich zum Bett begeben, als er sie sah. Vor ihm auf dem flach abfallenden Dach saß eine Katze. Augenscheinlich sogar eine Siamkatze. Obwohl er sehr überrascht war, erschreckte er sich nicht. Sie starrte ihm direkt in die Augen. Sie saß bewegungslos da draußen in der Kälte und bewegte keinen Muskel. Wie eine kleine Statue, dachte er.
Plötzlich, ohne Vorwarnung erhob sie sich auf ihre Hinterbeine und tat ein paar Schritte auf ihn zu.
Alles schrie in ihm auf, daß das nicht sein konnte. Eine Katze kann nicht gehen. Sie ging weiter und legte ihre Vorderpfoten von außen an das Fensterglas. Sie bleckte ihre Zähne und schlug mit einer Pfote zu. Dumpf hämmerte es gegen die Scheibe.
Steinmetz wich zurück. Die Katze fauchte und hieb nun mit beiden Pfoten zu. Immer kraftvoller wurden ihre Schläge. Doch für das Glas war sie zu schwach. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, fortzufahren in ihrer Wut. Ja, Wut. Genau das war es. Das Tier war ungeheuer wütend. Schmale Blutspuren zeigten sich auf der Scheibe. Bei jedem Schlag verschmierte sie ihr Blut mehr auf dem Glas. Schmerzen schien sie nicht zu spüren, ebensowenig wie die Kälte. Ebenso plötzlich wie sie mit ihrem Wutanfall begonnen hatte, so schnell ließ sie auch von dem Fenster ab. Sie fauchte noch einmal in seine Richtung und trollte sich. Das einzige Zeugnis ihrer ehemaligen Anwesenheit blieb an der Scheibe zurück. Blut!
Fünf Minuten später stand Steinmetz immer noch mit offenem Mund da. Die Bierdose in der einen Hand, die andere Hand verkrampft, hob und senkte sich seine Brust mit jedem langsamen Atemzug. So stand er dort und fragte sich, ob er noch alle beieinander hatte.

Kapitel 2

Später als sonst saß Harald Steinmetz am nächsten Morgen am Frühstückstisch. Nach seinem gestrigen Erlebnis hatte er nur sehr schlecht schlafen können. Ständig war ihm im Traum eine Katze erschienen. Entweder hatte sie menschliche Ausmaße besessen und ihn halb besoffen um Schnaps angebettelt, oder hatte in Originalgröße draußen ihre Krallen über sein Fenster gezogen.
Derart schaurige Träume waren ihm noch nie in den Sinn gekommen. Er war so erschrocken darüber, daß er die Erinnerung mit der um sich schlagenden Katze ebenfalls als Traum abtat.
Vor ihm auf dem Tisch standen eine schöne Tasse Kaffee und ein Glas Orangensaft. Ein paar lecker aussehende Brötchen lagen aufgeschnitten auf dem Teller, bereit dazu, eine schmackhafte Sache aufzunehmen, die dann durch Harald Steinmetz den Weg alles Irdischen nehmen würde. Alles hier in diesem Raum sah so freundlich aus. Das aufgeschlagene Frühstücksei war genauso gelungen, wie er es am liebsten mochte. Einige Bilder an den blaßblauen Wänden zeigten Berliner Straßenszenen Ende des 19. Jahrhunderts.
Herzhaft biß er von seinem Brötchen ab. Ein voller Magen machte ihn zufrieden und Zufriedenheit machte, das hatte er bereits oft festgestellt, blind für Gefahren. Rechts von ihm hing eine Darstellung eines Polizisten aus der Kaiserzeit. Der Polizist besaß einen großen Schnurrbart und buschige Augenbrauen. Der Blick war ein bißchen finster, aber nicht unbedingt unfreundlich. Die Augen waren gelb. Gelb? Gelb mit einem senkrechten Pupillenschlitz!
Harald zuckte zurück. Ein Katzenantlitz unter einer Pickelhaube starrte in unverhohlen amüsiert an. Steinmetz fiel das Brötchen aus der Hand. Er schloß die Augen für einen Moment, wandte den Kopf, öffnete die Augenlider und sah auf den Nachbartisch. Nachdem er überzeugt war, daß es dort nichts ungewöhnliches gab, drehte er seinen Kopf langsam zum Polizistenbild um.
Doch der Polizist war ein ganz einfacher Polizist gegen Ende des 19. Jahrhunderts und wahrhaftig kein Katzenmonster.

[ mn ]


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