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FRAGMENTE: Zoobot 03


Als der Bus endlich kam, hatte Steinmetz selber eine rote Nase. Er wankte in den Bus und schob die kleine Plastikkarte in den Entwerter. Eine weitere Freifahrt wurde abgezogen. Er fand einen Fensterplatz und setzte sich.
Der Bus nahm Geschwindigkeit auf und fuhr über die dichtbefahrene Straße. Eine kleine Ewigkeit später erreichte den Anhalterbahnhof in Kreuzberg. Steinmetz stieg aus. Hier waren die Straßen dunkler als in der Innenstadt. In den letzten zehn Jahren hatte sich hier zwar ein neues Künstlerviertel entwickelt, aber die ganzen Künstler hockten jetzt auch lieber in ihren angestammten Cafés und Kneipen.
Steinmetz ging an der Ruine des Anhalterbahnhofs vorbei und überquerte die Straße. Sein Hotel befand sich nur 500 Meter entfernt. Er gelangte durch eine Toreinfahrt und öffnete die Tür zum Haus. Es war nicht gerade das, was man im weitläufigen Sinne unter einem Hotel verstand. In Wahrheit war es nur eine einzige Etage, in der es ein paar Zimmer, ein paar Toiletten und einige Duschen gab. Es war nicht viel, aber es war preiswert und solange wie er noch keine Wohnung gefunden hatte, mußte er sich mit dem kleinen Zimmer begnügen.
Er schloß die Tür zu seinem Hotelzimmer auf, trat ein und schloß wieder gewissenhaft hinter sich ab. Dieser Vorgang war oft geübt. Nicht zuletzt hatte es sich auch als notwendig erwiesen, diese Angewohnheit zu entwickeln. Denn in dieser Gegend trieb sich noch immer viel lichtscheues Gesindel herum. Vielleicht war das der Anreiz für viele Künstler gewesen, sich hier niederzulassen.
Steinmetz zog seinen Mantel aus, legte ihn ordentlich über den einzigen Stuhl und ging zum Fenster. Von hier aus konnte er den ganzen Innenhof überschauen. Dieser Hof war leicht durch die unverschlossene Toreinfahrt zu erreichen. Einige Male waren ihm dort unten Leute aufgefallen, wenn er im abgedunkelten Zimmer gestanden war und dabei durch den Vorhang schielte. Er stand dort nicht, um zu gaffen. Er wollte sich eigentlich aus der Regenrinne eine Büchse Bier holen, die er dort aufbewahrte, denn es gab in dem Zimmer keinen Kühlschrank. Er lugte nach unten, konnte aber niemanden entdecken, den er bei irgendwas zu stören vermochte.

Vor ihm in der Regenrinne lagen noch drei volle Büchsen. Er langte zum Fensterhebel und zog daran. Mühsam und mit einem leichten Quietschen gaben die Angeln der plötzlichen Gewalt nach. Dieses Fenster wurde nicht sehr oft geöffnet. Er griff zu einer der Büchsen hinunter, als ihn ein Geräusch innehalten ließ.
Steinmetz verharrte in der Bewegung und rührte sich nicht. Er hatte ganz deutlich etwas gehört. Da wieder! Ein gebücktes, winziges Ding huschte über den Hof. Eine Katze? Steinmetz stutzte. Eine Katze, die auf zwei Beinen lief, war ihm völlig neu. Das mußte etwas anderes sein. Er wartete. Die Minuten vergingen, doch der Vorgang wiederholte sich nicht.
Steinmetz löste sich aus seiner Erstarrung und schwang sich zurück in das Zimmer.
Mittlerweile war es dort ziemlich kalt geworden. Die Heizung funktionierte nur noch auf halber Kraft und einem solchen Kälteschwall hatte sie nichts entgegenzusetzen. Er schloß das Fenster und nahm auf dem Bett Platz. Steinmetz machte sich an dem Büchsenverschluß zu schaffen. Gurgelnd und zischend sprudelte weißer Schaum aus der Öffnung. Er leckte sich erwartungsvoll über die Lippen.
Er hob die Blechdose an den Mund und da war es wieder! Halb verschluckte er sich vor Schreck und hustete das meiste von dem, was er getrunken hatte, aus. Das Geräusch, das Huschen war lauter gewesen als zuvor. Sehr viel lauter. Es mußte also ziemlich nahe gewesen sein, wenn es so stark durch das geschlossene Fenster drang. Dieses schoß ihm in Sekundenbruchteilen durch den Kopf.
Während er sich noch umwandte, registrierte Steinmetz sofort den Schatten, der hinter der Gardine zu erkennen war. Die Hand, in der er die Büchse hielt, begann leicht zu zittern. Unsinn, sagte er sich. Das ist eine Katze, der kalt ist und die ins Warme möchte. Er hatte sich gerade entschlossen eine gute Tat zu tun und das arme Wesen hereinzulassen, als der Schatten blitzartig verschwand.
Steinmetz stand auf und ging zum Fenster. Nichts!
"Ich glaube, ich werde senil", sprach er laut.

[ mn ]


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