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FRAGMENTE: Zoobot 02


Benimm dich anständig. Du bist hier in einer Weltstadt. Manieren, mein Lieber, sind das A und O. Die Leute schätzen Manieren.
Steinmetz setzte die Tasse ab. Keinem war sein Mißgeschick aufgefallen. Warum auch? Alle waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Nur wer alleine hier war, konzentrierte sich auf andere. Steinmetz war der einzige in diesem Raum, den es ohne Anhang hierher verschlagen hatte. Woher sollte er auch jemanden kennen? In drei Tagen bekommt man nicht so schnell Anschluß.
Steinmetz rief den Kellner und verlangte die Rechnung. Das Blättchen mit der riesigen Summe in der letzten Zeile trieb ihm die Röte in die Ohren. Es hatte Zeiten gegeben, da war er bemüht gewesen, einen ganzen Monat lang mit diesem Geld sein Essen zu bezahlen. Doch zur Feier des Tages wollte er nicht kleinlich sein, sondern legte auch noch, so wie er annahm, ein herrschaftliches Trinkgeld obendrauf. Der Kellner verzog keine Miene. Er war größere Beträge gewohnt.
Harald Steinmetz stand auf und schob den Stuhl zurück. Sorgfältig darauf achtend, daß ihm nicht schon wieder irgendwas passierte, schritt er in einem angemessenen Gang Richtung Garderobe. Dort hinterließ er ebenfalls einen Fünfer, zog sich an und betrat die Galerie, die sich rund um die große Halle im Europa-Center legte.
Überall flanierten die Menschen, schwatzten und präsentierten sich ganz einfach. Gesehen und gesehen werden. Dazwischen die Leute, die das ganze Spiel mit großen Augen bestaunten, so wie er.
Ich werde mich schon daran gewöhnen, schoß es ihm durch den Kopf. In ein paar Tagen wirst du über dein jetziges Verhalten lächeln. Du bist 27 Jahre alt, in einer guten gesellschaftlichen Position und hast keinerlei Grund dazu, Minderwertigkeitsgefühle zu entwickeln. Nicht wahr? Also, ruhig Blut.
Steinmetz schlug den Weg zur Rolltreppe ein. Es war spät geworden und er wollte am nächsten Tag früh aus dem Bett. Es gab noch so vieles in Berlin, was er sich ansehen wollte. Jetzt besaß er noch die Zeit dazu. Nach seinem Jobantritt würde er nicht mehr so unausgelastet sein.
Am Eingang zum Europa-Center schlug ihm die frische Nachtluft entgegen.

Draußen auf dem Kurfürstendamm zog er den Schal fester um seinen Hals. Eine Erkältung wäre das allerletzte, was er nun gebrauchen könnte. Er spazierte an den Überresten der Gedächtniskirche vorüber. Die Kälte hatte den Geigenspieler vertrieben, den er vor drei Stunden dort hatte stehen sehen. Vollbesetzte Busse fuhren an Steinmetz vorbei. Einen dieser Busse mußte er auch für die Heimfahrt benutzen. Er warf einen Blick auf die Uhr. Wenn er sich beeilte, konnte er es schaffen. Er schritt schneller aus, überholte zahlreiche Gestalten, Frauen, die ihm eindeutige Angebote zuflüsterten und erreichte bald seine Bushaltestelle. Wie immer war er zu früh.
Eine seiner größten Ängste war es, zu spät zu kommen. So verschätzte er sich grundsätzlich in der Zeit und kam immer zu früh. An seinem Ziel angelangt mußte er dann warten. Steinmetz trat von einem Fuß auf den anderen. Die Kälte durchdrang seinen billigen Wintermantel. Sein eigener Atem nahm ihm fast die Sicht auf die Straße, so kalt war es. Zehn Minuten noch. Eine lange Zeit bei diesen Minustemperaturen.
"He, du!", flüsterte ihm eine heisere Stimme ins Ohr.
Erschrocken fuhr Steinmetz herum. Ein rotes Gesicht mit einer triefenden Nase schaute ihn frontal an. Alkoholdunst umwehte ihn. Steinmetz verzog den Mund.
"Was kann ich für sie tun?", fragte er, obwohl er die Antwort bereits kannte.
"Ne Mark. Du kannst mir ne Mark jeben. Ick brauch wat, um mich aufzuwärmen, weeßt de?", hauchte ihm dieses rote Gesicht zu.
"Ich kann ihnen eine geben.", antwortete Steinmetz.
Er kramte in seiner Manteltasche, wo allerlei nützliches Zeug verborgen war. Bestimmt war auch ein Markstück dabei. Endlich fand er eins. Von diesem Alkoholatem wurde ihm langsam schlecht.
"Hier haben sie.", nuschelte Steinmetz und hielt den Atem an.
"Danke scheen. Haben nem alten Mann ne Riesenfreude jemacht." Der Alte drehte sich auf dem Absatz um und strebte in den Schatten einiger Gebäude. Weiter die Straße runter gab es einige Kneipen, die für eine Mark eine ganze Menge billigen Schnaps hergaben.

[ mn ]


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